The secret to desire in a long-term relationship | Esther Perel - YouTube

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Übersetzung: Patricia Calderón Koch Lektorat: Jo Pi
[16]
Warum lässt guter Sex so oft nach,
[19]
selbst bei Paaren, die einander immer noch innig lieben?
[24]
Und warum bedeutet gute Intimität nicht automatisch guten Sex,
[27]
obwohl wir das alle glauben?
[30]
Oder eine weitere Frage:
[32]
Können wir begehren, was wir schon haben?
[35]
Das ist die Preisfrage, richtig?
[37]
Und warum ist Verbotenes so erotisch?
[39]
Warum lösen Grenzverstöße so großes Begehren aus?
[43]
Und warum führt Sex zu Babys,
[45]
und warum bedeuten Babys in Beziehungen eine erotische Katastrophe?
[49]
Der ultimative Erotikkiller, nicht wahr?
[52]
Wie fühlt sich das an, wenn man liebt?
[54]
Und wenn man begehrt, was ist der Unterschied?
[57]
Dies sind einige der Fragen,
[59]
die den Kern meiner Forschung bilden:
[62]
Das Wesen des erotischen Verlangens
[64]
und die Probleme, die es in modernen Beziehungen mit sich bringt.
[68]
Also reise ich um die Welt
[70]
und stelle fest, dass
[72]
überall, wo Romantik ins Spiel kommt,
[75]
das Verlangen anscheinend in eine Krise rutscht.
[78]
Eine Krise des Verlangens bzw. der Steuerung von Verlangen –
[83]
Verlangen als Ausdruck unserer Individualität,
[86]
unserer freien Wahl, unserer Vorlieben, unserer Identität.
[90]
Verlangen nimmt auch einen zentralen Platz
[93]
in moderner Liebe und in einer individualistischen Gesellschaft ein.
[96]
Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit
[100]
versuchen wir, Sexualität langfristig zu erfahren,
[105]
nicht weil wir 14 Kinder haben wollen –
[110]
da müssten wir ja noch viel mehr haben, denn viele überleben ja nicht –
[114]
und nicht, weil es in der Ehe ausschließlich Pflicht der Frau ist.
[118]
Zum ersten Mal wollen wir Sex über lange Zeit
[122]
mit Lust- und Verbundenheitsgefühlen, die im Verlangen wurzeln.
[127]
Was hält Verlangen also aufrecht, und warum ist es so schwierig?
[131]
In einer festen Partnerschaft Verlangen aufrecht zu erhalten,
[136]
erfordert den Ausgleich zweier grundlegender menschlicher Bedürfnisse:
[141]
Einerseits unser Bedürfnis nach Sicherheit und Vorhersehbarkeit,
[147]
nach Geborgenheit, Verbindlichkeit, Verlässlichkeit, nach Dauerhaftigkeit –
[154]
all diese verankernden und erdenden Erfahrungen in unserem Leben,
[157]
die wir "unser Zuhause" nennen.
[159]
Aber andererseits haben Männer und Frauen auch ein ebenso großes Bedürfnis
[163]
nach Abenteuer, Neuem, Geheimnisvollem, Risiko, Gefahr,
[169]
nach Unbekanntem, Unerwartetem, Überraschungen –
[172]
Sie wissen, was ich meine – nach Reisen, Unterwegssein.
[176]
Unser Bedürfnis nach Sicherheit und unser Bedürfnis nach
[178]
Abenteuer in einer einzigen Beziehung miteinander zu vereinen,
[181]
oder in einer – modern ausgedrückt – leidenschaftlichen Ehe,
[184]
wurde immer als absoluter Widerspruch betrachtet.
[187]
Ehe war eine wirtschaftliche Institution,
[189]
durch die man eine lebenslange Partnerschaft
[193]
im Hinblick auf Kinder, sozialen Status,
[196]
Erbfolge und Kameradschaft einging.
[198]
Heutzutage soll unser Partner uns dies nach wie vor bieten,
[203]
aber zusätzlich soll er auch bester Freund,
[205]
Vertrauensperson und leidenschaftlicher Liebhaber sein, der uns anturnt.
[208]
Und wir werden doppelt so alt wie früher.
[210]
(Lachen)
[212]
Wir treffen also auf eine einzige Person
[217]
und wollen, dass sie uns all das gibt, was früher ein ganzes Dorf leistete:
[220]
Gib mir ein Zugehörigkeitsgefühl, gib mir Identität, gib mir Kontinuität,
[224]
aber gleichzeitig auch Transzendenz, Rätsel, beeindrucke mich.
[228]
Gib mir Komfort, gib mir Aufregung.
[230]
Gib mir Neues, gib mir Vertrautheit.
[232]
Gib mir Vorhersehbarkeit, gib mir Überraschungen.
[234]
Und das finden wir selbstverständlich; und Spielzeug und Reizwäsche sollen das bewerkstelligen.
[238]
(Applaus)
[243]
Wir kommen jetzt also zur Essenz dieser Geschichte, ok?
[248]
Denn ich glaube, irgendwie – und darauf komme ich noch zurück –
[254]
ist die Krise des Verlangens oft eine Krise der Fantasie.
[257]
Warum lässt guter Sex also so oft nach?
[261]
Welche Beziehung besteht zwischen Liebe und Verlangen?
[263]
Und warum geraten sie in Konflikt?
[266]
Denn darin liegt das Geheimnis der Erotik.
[270]
Für mich gibt es ein Verb für Liebe, und das ist "haben".
[274]
Und ein anderes Verb für Erotik, und das ist "begehren".
[278]
In der Liebe wollen wir haben, da wollen wir den Geliebten kennen,
[282]
die Distanz verringern, die Lücke schließen.
[286]
Wir wollen Spannungen neutralisieren. Wir wollen Nähe.
[290]
Aber beim Begehren möchten wir nicht die gewohnten Pfade einschlagen,
[296]
Vorhersehbarkeit interessiert uns nicht auf Dauer.
[299]
Beim Verlangen wollen wir jemand Fremden auf der anderen Straßenseite, den wir besuchen können,
[304]
mit dem wir ein bisschen Zeit verbringen können
[307]
und herausfinden können, was so in seinem "Rotlichtmilieu" passiert.
[311]
Beim Verlangen möchten wir eine Brücke überqueren können.
[314]
Manchmal sage ich auch: Feuer braucht Luft.
[317]
Verlangen braucht Raum.
[320]
So gesagt, hört sich das abstrakt an.
[323]
Aber ich habe eine Frage mitgenommen.
[325]
Ich war in den letzten Jahren in über 20 Ländern,
[327]
wo es "Paarung in Gefangenschaft" gibt, und ich fragte die Menschen:
[330]
Wann fühlen Sie sich zu Ihrem Partner am meisten hingezogen?
[334]
Nicht nur sexuell angezogen, sondern zu ihm hingezogen.
[337]
Und die Antworten, unabhängig von Kultur, Religion und Geschlecht,
[340]
waren – bis auf eine einzige Ausnahme –, immer dieselben.
[345]
Die 1. Gruppe sagte: "Ich fühle mich zu meinem Partner am meisten hingezogen,
[350]
wenn sie weg ist, wenn wir getrennt sind, wenn wir uns wiedersehen.
[357]
Im Grunde also dann, wenn ich wieder in der Lage bin,
[360]
mich mit meinem Partner vorzustellen,
[364]
wenn wieder Fantasie ins Spiel kommt,
[367]
wenn diese in Abwesenheit oder Sehnsucht wurzelt,
[372]
was ein Hauptbestandteil des Verlangens ist.
[374]
Aber die 2. Gruppe ist noch interessanter:
[378]
Ich fühle mich zu meinem Partner am meisten hingezogen,
[379]
wenn ich ihn in seinem Studio sehe, wenn sie auf der Bühne steht,
[383]
wenn er in seinem Element ist, wenn sie etwas mit Leidenschaft angeht.
[388]
Wenn ich ihn auf einer Party sehe und andere sich zu ihm hingezogen fühlen,
[391]
wenn andere sie hofieren.
[393]
Im Grunde dann, wenn ich meinen Partner strahlend und selbstsicher erlebe,
[398]
das turnt uns alle wahrscheinlich am meisten an.
[401]
Strahlend im Sinne von souverän.
[404]
Ich sehe diesen Menschen an – übrigens, im Verlangen
[407]
reden Menschen selten darüber, wenn sie in einem Abstand von 5 cm
[409]
miteinander verschmelzen. Ich weiß nicht, wie viel das in Zoll ist. –
[413]
Aber die Entfernung darf auch nicht so groß sein,
[416]
dass man den anderen nicht mehr sieht.
[417]
Bei einer angenehmen Entfernung erscheint mein Partner – dieser Mensch,
[422]
der mir schon so vertraut und bekannt ist –
[426]
auf einmal wieder geheimnisvoll und nicht ganz greifbar.
[431]
Und in diesem Raum zwischen mir und dem anderen entsteht die erotische Anziehung,
[436]
die Bewegung zum anderen hin.
[438]
Denn manchmal – wie Proust sagt –
[441]
liegt das Geheimnisvolle nicht an fremden Orten,
[443]
sondern in einem neuen Blickwinkel.
[445]
Wenn ich also meinen Partner eigenständig erlebe und
[449]
und er etwas tut, das ihn vereinnahmt,
[452]
verschiebt sich einen Moment lang meine Wahrnehmung,
[457]
und ich bin offen für die Geheimnisse um mich herum.
[462]
Ganz besonders wichtig an dieser Beschreibung des anderen
[466]
oder meiner selbst – das ist dasselbe – besonders interessant ist,
[470]
dass es keine Bedürftigkeit im Begehren gibt.
[472]
Keiner braucht den anderen.
[475]
Es gibt keine Fürsorglichkeit beim Verlangen.
[477]
Fürsorglichkeit ist mächtige Liebe und ein starkes Anti-Aphrodisiakum.
[482]
Ich habe noch nie jemanden gesehen, der sich von jemandem
[485]
angeturnt fühlt, der ihn braucht.
[486]
Jemanden zu begehren ist eine Sache, jemanden zu brauchen ein Lustkiller.
[490]
Frauen haben das schon immer gewusst.
[491]
Denn alles, was mit Elternschaft zu tun hat,
[494]
verringert gewöhnlich die erotische Spannung.
[498]
Und das hat gute Gründe, nicht wahr?
[500]
Und die 3. Gruppe antwortet gewöhnlich wie folgt:
[503]
"Wenn ich überrascht bin, wenn wir zusammen lachen."
[507]
Heute sagte jemand zu mir im Büro:
[510]
Wenn er seinen Smoking trägt
[511]
– entweder den Smoking oder die Cowboystiefel.
[514]
Im Grunde, wenn etwas Neues passiert.
[518]
Dabei geht es nicht um neue Stellungen, nicht um ein Repertoire an Techniken.
[522]
Bei Neuerungen geht es darum, welche Seiten man hervorkehrt.
[526]
Welche Seiten an einem werden gerade gesehen?
[529]
Denn eigentlich kann man sagen:
[531]
"Sex ist nicht, was man tut.
[533]
Sex ist ein Ort, den man besucht. Einen Raum, den man
[536]
in sich selbst und mit einem oder mehreren anderen betritt.
[539]
Wohin gehen Sie also, wenn Sie Sex haben?
[542]
Welche Teile von sich verbinden Sie damit?
[544]
Was möchten Sie dort ausdrücken?
[546]
Ist es ein Ort der Transzendenz und spiritueller Vereinigung?
[550]
Ist es ein Ort für Ungezogenheit, und ein Ort, an dem man gefahrlos aggressiv sein kann?
[554]
Ist es ein Ort, wo Sie sich endlich hingeben können
[556]
und nicht ständig Verantwortung für alles übernehmen müssen?
[559]
Ist es ein Ort, wo Sie infantile Wünsche ausdrücken können?
[562]
Was kommt da heraus? Es ist eine Sprache.
[565]
Es ist nicht bloß ein Verhalten.
[567]
Es ist das Poetische an dieser Sprache, das mich interessiert.
[570]
Deshalb begann ich, den Begriff der "erotischen Intelligenz" zu erforschen.
[574]
Tiere haben Sex.
[576]
Das ist ihr Dreh- und Angelpunkt, das ist Biologie, der natürliche Instinkt.
[580]
Wir sind die einzigen, die ein erotisches Leben führen,
[583]
d.h., die menschliche Fantasie verwandelt unsere Sexualität.
[589]
Wir sind die einzigen, die stundenlang lieben können,
[593]
im Himmel schweben, multiple Orgasmen haben,
[595]
ohne dabei jemanden zu berühren, nur weil wir uns das vorstellen können.
[599]
Wir können es andeuten und müssen es noch nicht einmal tun.
[602]
Wir können starke Vorfreude empfinden,
[606]
eine Voraussetzung für Verlangen,
[608]
die Fähigkeit sich etwas vorzustellen, als ob es gerade geschieht,
[611]
es zu erleben, als ob es passiert, obwohl gar nichts passiert,
[616]
und alles gleichzeitig passiert.
[618]
Als ich also anfing, über Erotik nachzudenken,
[621]
begann ich, über die Poesie im Sex nachzudenken,
[624]
und wenn ich sie als Intelligenz sehe,
[627]
dann ist es etwas, das man kultiviert.
[629]
Was sind die Zutaten? Fantasie, Verspieltheit,
[633]
Neues, Neugierde, Geheimnisvolles.
[636]
Aber der Protagonist ist die Fantasie.
[641]
Aber noch wichtiger war für mich Folgendes: Um zu verstehen,
[644]
welche Paare den "erotischen Funken" hatten,
[647]
was Begehren fördert, musste ich
[650]
zur ursprünglichen Definition von Erotik zurückkehren,
[652]
zur mystischen Definition.
[655]
Dazu befasste ich mich näher mit Trauma –
[658]
das ist die andere Seite –
[661]
in der Gemeinde, in der ich aufwuchs.
[664]
Das war eine Gemeinde in Belgien, alles Überlebende des Holocaust.
[667]
Da gab es zwei Gruppen:
[670]
Die, die nicht gestorben waren, und die, die wieder zum Leben zurückfanden.
[674]
Diejenigen, die nicht gestorben waren, lebten wie in einem Korsett,
[677]
sie konnten nicht mehr genießen, nicht mehr vertrauen.
[681]
Wenn man auf der Hut ist, besorgt, verängstigt und
[684]
unsicher, kann man den Kopf nicht heben,
[686]
abheben, verspielt, geborgen und fantasievoll sein.
[692]
Diejenigen, die zum Leben zurückfanden,
[694]
verstanden Erotik als Gegenmittel zum Tod.
[697]
Sie wussten, wie sie sich am Leben erhalten konnten.
[701]
Und wenn ich den Paaren zuhöre, die keinen Sex haben,
[705]
höre ich sie manchmal sagen: "Ich möchte mehr Sex,"
[707]
aber im Allgemeinen wollen sie "besseren Sex",
[710]
und das bedeutet, sich der Lebendigkeit wieder zuzuwenden,
[714]
zu vibrieren, sich zu erneuern; Vitalität, Eros und Energie,
[718]
all das, was Sex ihnen früher gab, oder was sie sich
[720]
davon erhofft haben.
[722]
Und dann begann ich, eine andere Frage zu stellen.
[725]
"Ich mache zu, wenn..." begann jetzt die Frage.
[730]
"Ich blockiere mein Verlangen, wenn ..." was nicht dasselbe ist wie:
[733]
"Was mich abturnt ist..." und "Du turnst mich ab, wenn..."
[737]
Und die Leute sagten: "Ich schalte mich ab, wenn
[741]
ich mich innerlich tot fühle, wenn ich meinen Körper nicht mag,
[743]
wenn ich mich alt fühle, wenn ich keine Zeit für mich habe,
[747]
wenn ich nicht einmal Zeit für einen Termin bei Ihnen hatte,
[749]
wenn ich schlecht arbeite,
[751]
wenn ich wenig Selbstwertgefühl habe, wenn ich mich wertlos fühle,
[754]
wenn ich glaube, kein Recht auf Begehren und Nehmen
[757]
von Genuss zu haben."
[760]
Und dann fragte ich nach dem Gegenteil:
[762]
"Ich komme in die Gänge, wenn..." Denn meistens
[765]
fragen Leute nach: "Du turnst mich an,
[768]
Was mich anturnt ist ...", und ich kann nichts mehr tun. Verstehen Sie?
[771]
Wenn man innerlich tot ist, kann sich der andere am Valentinstag die größte Mühe geben,
[776]
das wird nichts bewirken. Das steht keiner am Empfang.
[778]
(Lachen)
[780]
Also: "Ich springe an,
[782]
ich wecke mein Verlangen, ich wache auf wenn ..."
[786]
In diesem Paradoxon zwischen Liebe und Verlangen
[791]
ist es verblüffend, dass genau die Zutaten,
[795]
die Liebe nähren – Gegenseitigkeit, Wechselseitigkeit,
[799]
Schutz, Sorge, Verantwortung für den Partner –
[803]
manchmal genau die Zutaten sind, die das Verlangen ersticken.
[807]
Denn Verlangen geht oft mit Gefühlen einher,
[811]
die der Liebe nicht immer förderlich sind:
[815]
Eifersucht, Besitzergreifen, Aggression, Macht, Dominanz,
[819]
Unanständigkeit, Unfug.
[821]
Die meisten von uns werden nachts von genau den Sachen angeturnt,
[824]
die sie tagsüber ausdrücklich verpönen.
[828]
Der erotische Geist ist politisch nicht sehr korrekt.
[832]
Wenn jeder von uns auf einem Rosenbett träumen würde,
[834]
hätten wir darüber keine so interessanten Gespräche.
[838]
Nein, in unserem Gehirn
[841]
geschehen so viele Sachen, von denen wir nicht immer wissen,
[844]
wie wir sie dem geliebten Menschen näherbringen sollen,
[847]
denn wir denken, dass Liebe Selbstlosigkeit ist,
[849]
und Verlangen hat tatsächlich etwas mit Egoismus
[853]
im besten Sinne zu tun:
[855]
Die Fähigkeit, bei sich selbst zu sein,
[858]
in der Gegenwart eines anderen.
[860]
Ich möchte für Sie ein kleines Bild zeichnen,
[862]
denn diesen beiden Bedürfnissen muss man gerecht werden,
[866]
wir werden mit ihnen geboren.
[868]
Unser Bedürfnis nach Verbundenheit, unser Bedürfnis nach Trennung,
[871]
oder unser Bedürfnis nach Sicherheit und Abenteuer,
[873]
oder unser Bedürfnis nach Zusammensein und nach Autonomie.
[875]
Wenn Sie an dieses Kind auf Ihrem Schoß denken,
[878]
das sich anschmiegt und sich wohl und sicher fühlt,
[883]
und irgendwann muss jeder von uns einmal in die Welt hinaus,
[887]
um sie zu entdecken und zu erforschen.
[889]
Da beginnt dann das Verlangen.
[891]
Dieses Erforschen benötigt Neugierde, Entdeckerdrang.
[895]
Und irgendwann dreht es sich um und schaut dich an.
[899]
Wenn du ihm sagst:
[901]
"Hey, Kleiner, die Welt ist ein toller Ort. Hol sie dir.
[904]
Es macht so viel Spaß da draußen",
[906]
dann können sie sich entfernen und
[908]
Verbundenheit und Trennung gleichzeitig erleben.
[910]
Sie können in ihrer Fantasie loslegen, in ihrem Körper,
[914]
frei sein in ihrer Verspieltheit und gleichzeitig wissen,
[917]
dass jemand da ist, wenn sie zurückkehren.
[919]
Aber wenn ihnen jemand sagt:
[922]
"Ich mache mir Sorgen. Ich habe Angst. Ich habe Depressionen.
[925]
Mein Partner hat sich lange nicht um mich gekümmert.
[927]
Was ist da draußen so toll? Haben wir nicht alles, was wir brauchen,
[930]
du und ich gemeinsam?"
[932]
Dann kommen einige Reaktionen,
[934]
die alle von uns sehr gut kennen.
[938]
Einige von uns werden zurückkehren, haben es vor vielen Jahren schon getan,
[942]
und dieses kleine Kind, das zurückkehrt,
[945]
ist das Kind, das einen Teil von sich aufgibt,
[947]
um den anderen nicht zu verlieren.
[950]
Ich verzichte auf die Freiheit, um die Verbindung nicht zu verlieren.
[954]
Und werde lernen, auf eine gewisse Art zu lieben,
[956]
belaste Liebe mit übermäßiger Sorge,
[961]
übermäßiger Verantwortung, übermäßigem Schutz.
[964]
Und ich weiß nicht, wie ich dich verlassen kann,
[967]
um zu spielen oder Genuss zu empfinden,
[970]
um Dinge zu entdecken, um in mich selbst zu gehen.
[973]
Übersetzen wir dies in die Erwachsenensprache.
[976]
Es fängt sehr früh an und geht in unserem Sexualleben weiter
[980]
bis zum Ende.
[982]
Kind Nummer 2 kehrt zurück,
[984]
guckt aber immer über seine Schulter.
[987]
"Wirst du da sein?
[989]
Wirst du mich verfluchen? Wirst du schimpfen?
[991]
Wirst du mir böse sein?"
[993]
Und sie sind vielleicht gegangen, jedoch niemals fort.
[996]
Und dies sind oft die Menschen, die dir sagen:
[998]
Am Anfang war es ganz heiß.
[1001]
Denn am Anfang war die wachsende Intimität
[1004]
noch nicht groß genug,
[1006]
um das Verlangen abzuschwächen.
[1009]
Je enger die Beziehung wurde, je verantwortlicher ich mich fühlte,
[1013]
umso weniger konnte ich in deiner Nähe loslassen.
[1016]
Das dritte Kind kommt eigentlich gar nicht zurück.
[1019]
Wenn man also Verlangen erhalten will,
[1023]
ist da ein echter Widerspruch.
[1025]
Auf der einen Seite will man Sicherheit, damit man gehen kann.
[1028]
Auf der anderen Seite kann man kein Vergnügen finden, wenn man bleiben muss.
[1032]
Dann kommt man nicht zum Höhepunkt, hat keinen Orgasmus,
[1035]
wird nicht erregt, weil man die Zeit
[1038]
im Körper und im Kopf des anderen verbringt und nicht in seinem eigenen.
[1041]
In diesem Dilemma der Aussöhnung
[1045]
dieser zwei grundlegenden Bedürfnisse
[1047]
habe ich ein paar Sachen begriffen, die erotische Paare machen.
[1051]
Erstens haben sie viel sexuelle Privatsphäre.
[1054]
Sie wissen, dass es einen erotischen Raum gibt,
[1057]
der jedem alleine gehört.
[1059]
Sie wissen ebenfalls, dass man das Vorspiel
[1062]
nicht 5 Minuten vor dem Akt macht.
[1064]
Das Vorspiel beginnt vielmehr direkt nach dem vorangegangenen Orgasmus.
[1067]
Sie wissen auch, dass der erotische Raum
[1071]
nicht bedeutet, den anderen zu streicheln.
[1073]
Es geht darum, einen Ort zu schaffen, wo man die Firma hinter sich lässt,
[1076]
vielleicht auch sein Fitnessprogramm vergisst.
[1079]
(Lachen)
[1081]
Dann betritt man wirklich den Raum,
[1084]
wo man damit aufhört, ein braver Bürger zu sein,
[1086]
der sich um andere kümmert und verantwortungsbewusst ist.
[1089]
Verantwortungsbewusstsein und Verlangen mögen sich nicht.
[1092]
Sie können nicht gut miteinander.
[1095]
Erotische Liebespaare wissen, dass Leidenschaft kommt und geht.
[1099]
Wie der Mond mit gelegentlichen Finsternissen.
[1103]
Aber sie wissen auch, wie sie sie wiederbeleben können.
[1105]
Sie können sie sich zurückholen.
[1107]
Und sie können das,
[1108]
weil sie einen großen Mythos demystifiziert haben,
[1111]
nämlich den Mythos der Spontaneität,
[1113]
dass das Verlangen schon vom Himmel fallen wird, während man die Wäsche zusammenlegt,
[1117]
wie ein Deus ex machina. Sie haben verstanden, dass
[1120]
alles, was in einer langen Beziehung passieren wird,
[1123]
schon passiert ist.
[1126]
Verbindlicher Sex ist geplant,
[1128]
beabsichtigt, gewollt.
[1131]
Es geht um Fokus und Präsenz.
[1134]
Frohen Valentinstag.
[1136]
(Applaus)