🔍
POLITICAL THEORY – Jean-Jacques Rousseau - YouTube
Channel: The School of Life
[10]
Das moderne Leben ist tiefgreifend mit der Idee von Fortschritt verbunden.
[13]
Im 18. Jahrhundert - als europöische Gesellschaften reicher und technologischer wurden -
[17]
war es die herkömmliche Auffassung, dass sich die Menschheit fest auf einer positiven Entwicklungslinie
[22]
vom Barbarentum und von Ignoranz in Richtung Prosperität und Zivilisation befand.
[27]
Aber es gab mindestens einen Philosophen aus dem 18. Jahrhundert, der damit überhaupt nicht einverstanden war
[31]
und dieser hat selbst für unsere Zeit sehr provokative Dinge zu sagen.
[36]
Jean-Jacques Rousseau wurde als Sohn eines gebildeten Uhrmachers in Genf im Jahr 1712 geboren.
[41]
Als er zehn Jahre alt war, verwickelte sich sein Vater in einen Rechtsstreit und seine Familie musste Genf verlassen.
[46]
Von nun an war Rousseaus Leben von tiefer Instabilität und Einsamkeit geprägt.
[51]
Als junger Mann ging Rousseau nach Paris und war dort dem oppulenten Luxus ausgesetzt, der im Paris des Ancien Regime Alltag war.
[59]
Das war ein grosser Unterschied zu seinem Geburtsort, Genf; eine schlichte Stadt, die dem Luxus stark entgegengesetzt war.
[65]
Dann, eines Tages in 1749, las er eine Kopie einer Zeitung, den 'Mercure de France', welche eine Werbung für einen Essay enthielt
[71]
über das Frage, ob neue Fortschritte in Künsten und Wissenschaft zur 'Reinigung der Sitten' beigetragen hatten.
[79]
In anderen Worten: Wurde die Welt besser?
[83]
Rousseau erlebte etwas wie eine Erleuchtung: Es bewegte ihn, dass Zivilisation und Fortschritt eigentlich die Menschen nicht verbessert hatten.
[90]
Stattdessen hatten sie einen schrecklichen, destruktiven Einfluss auf die Moral von Menschen, die einst gut gewesen waren.
[97]
Rousseau nahm diese Einsicht und machte es zu seiner zentralen These in seiner 'Abhandlung über die Wissenschaften und Künste'.
[105]
Sein Argument war simpel: Individuen waren einst gut und glücklich. Aber als sich Menschen aus ihrem 'vor-sozialen' Status herausentwickelten
[111]
und sich in Gesellschaften vereinigten, begannen sie, von Laster und Sünde geplagt zu werden.
[116]
In diesem Werk - und in dessen Zwiling 'Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen' -
[121]
ging Rousseau weiter, um zu skizzieren, wie es am Anfang der Geschichte wohl gewesen sein mag; eine idyllsche Periode, die er 'Naturzustand' nannte.
[129]
Vor langer Zeit, als Männer und Frauen in Wäldern lebten und nie in ein Geschäft gegangen waren oder Zeitung gelesen hatten,
[134]
mussten die Leute vernünftig ihre eigenen Gedanken verstanden haben und so das richtige Los für wichtige Aspekte eines erfütlen Lebens gezogen haben - so die Vorstellung des Philosophen (Rousseau):
[142]
die Liebe einer Familie, die Respektierung der Natur, Erfurcht vor der Schönheit des Universums , eine Neugierde über andere und ein Geschmack für Musik und einfache Unterhaltung.
[151]
Der Naturzustand war moralisch und wurde von spontanem Mitleid geführt; Empathie für andere und deren Leiden.
[158]
Was also war mit der Zivilisation, von der Rousseau dachte, dass sie Menschen korrumpiere und moralischen Verfall erzwinge?
[165]
Rousseau behauptete, dass der Gang in Richtung Zivilisation in den Menschen eine ungesunde Art von Selbstliebe geweckt hatte.
[171]
Er nannte es 'amour propre'.
[173]
Etwas, das künstlich war und mit Stolz, Neid und Nichtigkeit zu tun hatte.
[178]
Rousseau argumentierte, dass diese destruktive Form der Selbstliebe entstanden war, als Menschen in Städte zogen
[183]
und dort begannen, sich miteinander zu vergleichen und ihre eigene Identität nur aufgrund ihrer Nachbaren zu schaffen.
[189]
Zivilisierte Menschen hatten aufgehört darüber nachzudenken, was diese selbst wollten und fühlten.
[193]
und nur andere Leute imitierten, dabei in einen ruinösen Wettkampf eintretend, nur um Status und Geld zu erlangen
[198]
- und dabei denn Sinn für ihre eigenen Gefühle zu verlieren.
[201]
Rousseau wird immer mit dem Begriff 'Edler Wilder' assoziiert bleiben.
[205]
Denn es war seine Leistung, die die Unschuld und die Moral unserer Vorfahren beschrieb. Er kontrastierte diese mit moderner Dekadenz.
[212]
Als Rousseau schrieb, war die Europäische Gesellschaft fasziniert von der Not, die nordamerikanischen Stämme erlebten.
[218]
Berichte einer Indianischen Gesellschaft, erfunden im 16. Jahrhundert, hatten die Indianer einst als materiell simpel aber psychologisch sehr reich beschrieben.
[228]
Gemeinschaften waren klein, engverbunden, egalitär, religiös, verspielt und kriegerisch.
[234]
Dennoch, innert weniger Jahrzente nach der Ankunft der Europäer, hatte sich das Status-System revolutioniert
[240]
durch Kontakt mit Technologie und dem Luxus der europäischen Industrie.
[244]
Indianer wollten nun Gewehre, Alkohol, Perlenketten und Spiegeln.
[248]
Selbstmordraten und Alkoholismus war angestiegen, Gemeinschaften zerbrachen, Parteien stritten.
[254]
Die moderne Welt ruinierte die Leben der Menschen, die einst glücklich im Naturzustand gelebt hatten.
[261]
Rousseaus Interesse in natürlicher Güte machte in neugierig über das Wesen von Kindern.
[267]
1762 schrieb er 'Emile oder über die Erziehung' - vielleicht das erfolgreichste Buch, das je über die Erziehung geschrieben worden ist.
[276]
Rousseau suggerierte, dass Kinder 'natürlich gut' geburden würden, und dass der Schlüssel ihrer Erziehung deshalb
[281]
immer darin lag, sie von gesellschaftlicher Korruption zu schützen.
[284]
Diese Idee war sehr einflussreich; Eltern, die zuvor ihre Kinder als boshaft oder bestenfalls als leere Blätter betrachtet hatten,
[292]
sahen sie nun als Quellen der Weisheit und versuchten ihnen eine Kindheit voller Spiele und Besuchen von Wäldern und Seen zu geben.
[297]
Rousseau wurde der Erfinder von kindsorientierter Ausbildung.
[302]
Er war ebenfalls ein starkter Verfechter von mütterlichem Stillen, folgendes behauptend:
[305]
'Lasse Mütter herab, ihre Kinder zu stillen, und Sitten werden sich selbst formen. Die Gefühle der Natur werden erweckt in jedem Herz und der Staat wird wieder bevölkert.'
[315]
Es war - das wusste er - eine kleine Übertreibung, dennoch regte es eine Welle des Stillens an, selbst unter den Wohlhabenden, die lange von dieser Praktik abgesehen hatten.
[322]
Künstler beeilten sich, die neue Welle von Stillen zu malen und zu ehren.
[327]
Da Rousseau den Menschen so sehr in seinem ursprünglichen Zustand schätzte, folgte auch aus seinen Romanen,
[333]
dass Rousseau auch intensive Gefühle zelebrierte - anstelle von grossen Taten oder sozialen Ereignissen.
[339]
In seinem Roman 'Julie', verfasst 1761, Rousseau stellte die Aufregung und Angst einer Frau aus der Oberschicht,
[346]
die in einem Liebes-Dreieck gefangen war, zwischen ihrem sensiblen Tutor und ihrem langweiligen, aber sozial gebilligten aristokratischen Mann.
[353]
Rousseaus Zeitgenossen mögen Julie als unweise und ihre Gefühle als eine vorübergehende Laune empfunden haben,
[358]
aber Rousseau stellte ihre Liebe in einem höheren Licht dar. Er zwang uns, deren Grösse, Tiefe und Ehre zu sehen.
[365]
In seinen Schriften über sein eigenes Leben war Rousseau ähnlich romantisch, oder - wie man es auch nennen könnte - von sich selbst eingenommen.
[372]
In seinen berühmten 'Bekenntnnissen' - eine der ersten Autobiographien überhaupt - füllte Rousseau viele Seiten, die sein Innenleben erkunden.
[379]
Wie frustrierend er Einkaufen fand; das überraschende Gefühl von Zärtlichkeit für den Partner seiner Ex-Freundin; oder die Freuden der Gärtnerei.
[385]
Für ihn waren dies keine trivialen oder egoistischen Themen; sie waren Teil einer wichtigen Aufgabe:
[390]
Zu zeigen, was es heisst zu leben - im Inneren des Menschen.
[393]
'Ich habe ein neues Genre konzipiert, dem Menschen etwas zu leisten', sagte er.
[397]
Ihm das wirklichkeitsgetreue Bild jemandes seiner selbst zu zeigen, sodass er sich selber kennenlernt.
[404]
Rousseau starb 1778, im Alter von 66 Jahren. Seine Reputation wuchs aber weiter an.
[409]
Er war einer der Helden der Französischen Revolution - vom Grabe aus.
[413]
Und er wurde zur Ikone für eine grosse Zahl an Künstlern und Schriftstellern des 19. Jahrhunderts.
[418]
Rousseau kann als eine der Gründungsfiguren der sogenannten Romantik betrachtet werden - eine Ideologie, die das Primitive höher als das Ziviliserte wertet.
[428]
Das Kind höher als den Erwachsenen; den passionierten Liebhaber höher als den ruhigen, loyalen Ehepartner.
[433]
Die moderne Welt - trotz ihrem Hang zu Status, Maschinerien und kapitalistischen Werten - ist in vielen Weisen nach wie vor zutiefst romantisch.
[442]
Es ist erstaunlich, dass so viel von dem, was wir als selbstverständlich oder natürlich auffassen,
Most Recent Videos:
You can go back to the homepage right here: Homepage





