Was ist eigentlich Corporate Social Responsibility (CSR)? - YouTube

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Massenentlassungen bei gleichzeitigen Rekordgewinnen, Managergehälter, Rohstoffknappheit und drohende
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Klimakatastrophe, moralisch fragwürdige Werbung, Kinderarbeit, Betrügereien von Unternehmen,
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Finanzkrise und die Occupy-Wallstreet- Bewegung ...
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Dies sind nur einige Beispiele, die Ihnen unter den Begriffen Wirtschaftsethik, Nachhaltigkeit
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oder aber unter dem Begriff Corporate Social Responsibility -- neudeutsch für Unternehmensverantwortung
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-- vielleicht schon begegnet sind. Insgesamt geht es bei dieser Thematik um Gerechtigkeitsfragen
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für jetzt lebende und ebenso für zukünftige Generationen.
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Wir wollen fragen: Corporate Social Responsibility (kurz CSR), was ist das? Dieser Herr machte
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vor einigen Jahren Schlagzeilen. Angelo Ugolotti erfuhr 2004 von der Staatsanwaltschaft, dass
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er Aufsichtsratsvorsitzender von diversen Unternehmen war, von denen er noch nie gehört
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hatte. Es waren Scheinfirmen seines eigenen Unternehmens, dem italienischen Milch-Konzern
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Parmalat. Angelo Ugolotti zeigte sich überrascht, denn in seinen Unternehmen war er für ganz
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andere Aufgabenbereiche verantwortlich. Eigentlich war er Leiter der Telefonzentrale. Den Rest
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kann man sich denken. Unternehmerische Betrügereien vom Feinsten: Scheinfirmen, Bilanzfälschungen,
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Bestechungen, Konten auf den Cayman Islands -- die ganze Palette. Eine wichtige Aufgabe
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von Corporate Social Responsibility ist es, diese und andere moralisch verwerfliche Praktiken
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zu vermeiden. Denn sie schädigen die Gesellschaft und ebenso das eigene Unternehmen.
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In der Unternehmenspraxis ist dies mehr und mehr angekommen, wenn auch noch nicht immer
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hinreichend realisiert. Konkrete Maßnahmen werden oft als „Risikomanagement" bezeichnet,
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mit dem es gelingen soll, finanzielle Risiken aber auch das Risiko von Reputationsschäden
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zu vermeiden. Wer hat schon gerne schlechte Presse?! Dafür installiert man in Unternehmen
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klare Regeln, sogenannte Compliance-Systeme oder Wertemanagementsysteme, wie: eine Flasche
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Wein darf man als Geschenk des Lieferanten annehmen, die Einladung zum Golfwochenende
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nach Mallorca ist hingegen auszuschlagen. Risiko- und Compliance-Management ist gleichwohl
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nur ein Teilaspekt richtig verstandener Unternehmensverantwortung. Erstens geht es bei CSR nicht nur um die Vermeidung
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von „bad practices", wie Korruption und Betrug. Zweitens hinterfragt dieser Ansatz
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nicht die eigentlichen Geschäftstätigkeiten des Unternehmens. Ein Wertemanagement wäre
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womöglich auch für Mafia-Organisationen ein effizientes Steuerungsinstrument. Die
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herausfordernde Frage ist vielmehr:
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Welchen Beitrag sollen und können Unternehmen für eine „gute Gesellschaft" durch „gute
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Geschäfte" leisten? Dann gründen wir also eine Stiftung oder spenden fleißig und tun
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so „Gutes". Nein! Das schadet zwar nicht und es mag sogar helfen, geht aber an systemischen
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Veränderungen vorbei. Wichtig ist: Bei CSR geht es nicht darum, wie Unternehmen ihre
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Gewinne verwenden, sondern wie Unternehmen ihre Gewinne erwirtschaften. Unternehmensverantwortung
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darf also nicht nur „Reparaturwerkstatt" des Kapitalismus sein, sondern muss nach Systemveränderungen
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in einer Marktwirtschaft fragen. Und hierzu zählt eine neue Rolle der zentralen Spieler
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in diesem Spiel, nämlich Unternehmen, als nicht nur ökonomische, sondern auch als moralische
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Akteure. Angesprochen ist damit eine stärker integrative Perspektive auf der Grundlage
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einer Wertebasis und nahe am „Kerngeschäft" des jeweiligen Unternehmens.
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Es geht um die Beachtung sozialer und ökologischer Kriterien beispielsweise bei der Behandlung
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von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, der Organisation des Produktionsprozesses, den
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angebotenen Produkten und Dienstleistungen sowie deren Vermarktung und auch bei den Zulieferbetrieben.
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Tugendhafte Mangerinnen oder der „ehrbare Kaufmann" alleine werden hier übrigens
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nicht ausreichen. Wir brauchen zwar integre Mitarbeitende auf allen Hierarchie-Ebenen
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des Unternehmens, zugleich jedoch auch Organisationsstrukturen und klare Regeln. Nur auf Verhaltensregeln
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zu setzen, ist gleichwohl ebenso verkürzt, denn sie verordnen im Extremfall „Dienst
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nach Vorschrift", also das Gegenteil einer ethischen Reflexion, nämlich über gut und
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böse, richtig und falsch nachzudenken.
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Es geht also immer um beides: Person und Struktur. In der Wissenschaft spricht man hier von Individual-
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und Institutionenethik. Ist das nicht unrealistisch? Sollte nicht der Staat mehr für eine gute
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und gerechte Gesellschaft tun? Zugegeben. Es ist unrealistisch und gerade deshalb sind
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auch solche Fragen wichtig! Häh? Wirtschaftsethiker fragen nicht nur, wie die Welt „ist",
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sondern besonders auch wie sie sein soll. Wir wollen damit wenigstens in etwa andeuten,
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wohin die Reise gehen sollte. Es geht uns aber zugleich auch darum, praktische Vorschläge
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dazu zu machen, wie diese Reise angetreten werden kann. Man spricht hier von Begründungsfragen
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einerseits und Implementierungsfragen andererseits -- gerne in dieser Reihenfolge. Der Staat,
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genauer Politik und Recht, kann bei der Umsetzung von Unternehmensverantwortung durchaus mitwirken.
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Leider aber nur noch mit begrenzter Reichweite.
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Wenn wir unsere Gesellschaft aus einer Vogelperspektive betrachten, dann können wir verschiedene
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gesellschaftliche Systeme ausmachen: das Wirtschaftssystem, das System der Politik, das Rechtssystem usw.
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Man spricht von einer funktional-differenzierten Gesellschaft, in der wir leben. Vor gut sechzig,
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siebzig Jahren hatten einige Wissenschaftler eine gute Idee, die zur Entwicklung der Sozialen
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Marktwirtschaft, wie wir sie besonders in Europa kennen, geführt hat. Eine Marktwirtschaft
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sollte eingebettet werden in eine politische Rahmenordnung, bei der die Politik die Spielregeln
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definiert. Auch heute noch bleibt diese Grundidee wichtig, aber es ist ungleich schwieriger
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geworden, nur auf den Staat zu setzen. Die gesellschaftliche Differenzierung hat sich
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fortgesetzt, indem sich die meisten Systeme internationalisiert haben. „Globalisierung"
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heißt das Zauberwort. Die meisten Systeme ja, aber eben nicht alle. Politik und besonders
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Recht sind weiterhin tendenziell an die Grenzen eines Landes gebunden, während vor allem
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die Wirtschaft hochgradig globalisiert ist. Das führt zu einem Regulierungsdefizit.
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Daher geht es heute nicht mehr nur um klassische Spielregeln, sondern um die Spielzüge der
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„Unternehmen" in einer veränderten Welt. Und jenseits von Politik und Recht hat die
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Zivilgesellschaft -- insbesondere repräsentiert durch Nichtregierungsorganisationen -- einen
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starken Einfluss auf die Wirtschaft entwickelt; als bissige Watch-Dogs ebenso wie als Kooperationspartner.
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Und wir finden in der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts neue, recht eigentümliche -- hybride
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-- Gebilde unter dem Begriff „soft law". Das sind kollektive Selbstverpflichtungen
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zur Einhaltung bestimmter sozialer und ökologischer Standards, wie Branchenvereinbarungen oder
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der Global Compact. Unternehmen sollen also verantwortlich wirtschaften?! Tut sich da
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denn in der Praxis etwas? Dazu gibt es weder ein klares Ja noch ein
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klares Nein. Böse Zungen behaupten, CSR ist wie Teenager-Sex: alle sagen, sie tun es,
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doch nur die wenigsten machen es wirklich; und die, die es tun, machen es eher schlecht.
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Die Wahrheit ist differenzierter: Auch im Bereich der Unternehmensverantwortung gibt
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es „the „good, the bad, and the real ugly". Wir können feststellen, dass sich mehr und
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mehr Unternehmen diesem Thema annehmen und hier erste Schritte gehen. Es ist ein deutliches
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Bemühen zu verzeichnen, auch wenn es sich dabei noch um zarte Pflänzchen handelt. Und
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natürlich gibt es auch weiterhin die, die CSR als PR-Instrument fehldeuten und sich
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einfach nur „grün- oder blau waschen" wollen. Und es gibt leider auch noch die Unternehmen,
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die sich einen Dreck um Fragen von Unternehmensverantwortung scheren, ja, Gerechtigkeit mitunter sogar
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mit Füssen treten.
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Alles verstanden? Hier noch einmal eine kurze Zusammenfassung:
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Erstens, CSR steht für Corporate Social Responsibility, Unternehmensverantwortung.
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Zweitens, grundlegend dafür ist die Frage nach „guten Geschäften" für eine „gute
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Gesellschaft" -- heute und auch morgen. Drittens, CSR ist keine Spendenethik: Es geht
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es nicht darum, wie Unternehmen ihre Gewinne verwenden, sondern wie Unternehmen ihre Gewinne
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erwirtschaften. Viertens, für eine Umsetzung im Unternehmen
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braucht es ebenso integre Mitarbeiter wie angemessene Organisationsstrukturen. Es geht
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um eine Individual- und Institutionenethik. Fünftens, die Politik bleibt wichtig, hat
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aber in einer globalisierten Welt nur noch begrenzt Handlungsmacht für politische Regulierungen.
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Daher kommt Unternehmen, sechstens, eine immer wichtigere Rolle zu.
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Siebtens, „Soft laws" sind neue Steuerungsmechanismen, die auf Selbstverpflichtungen von Unternehmen
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basieren. Achtens, CSR ist in der Unternehmenspraxis
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angekommen. Dies gilt es fachlich, aber auch kritisch zu begleiten.
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Die Forschung zu Fragen von Unternehmensverantwortung steht noch immer am Anfang und künftige Entwicklungen
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werden spannend zu beobachten sein. Ob mit Unternehmen eine gute und gerechte Gesellschaft
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gelingen kann, ist durchaus ungewiss. Ohne sie -- da können wir uns sicher sein -- kann
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sie jedoch nicht gelingen. Ach so, ganz vergessen: neben Unternehmensverantwortung
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gibt es auch Konsumentenverantwortung. Das können Sie beim nächsten Einkauf schon mal
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üben und vielleicht gibt es dann zu diesem Thema an dieser Stelle bald mehr dazu.