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Was ist eigentlich Corporate Social Responsibility (CSR)? - YouTube
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[19]
Massenentlassungen bei gleichzeitigen Rekordgewinnen,
Managergehälter, Rohstoffknappheit und drohende
[35]
Klimakatastrophe, moralisch fragwürdige Werbung,
Kinderarbeit, Betrügereien von Unternehmen,
[41]
Finanzkrise und die Occupy-Wallstreet- Bewegung
...
[44]
Dies sind nur einige Beispiele, die Ihnen
unter den Begriffen Wirtschaftsethik, Nachhaltigkeit
[49]
oder aber unter dem Begriff Corporate Social
Responsibility -- neudeutsch für Unternehmensverantwortung
[54]
-- vielleicht schon begegnet sind. Insgesamt
geht es bei dieser Thematik um Gerechtigkeitsfragen
[59]
für jetzt lebende und ebenso für zukünftige
Generationen.
[63]
Wir wollen fragen: Corporate Social Responsibility
(kurz CSR), was ist das? Dieser Herr machte
[80]
vor einigen Jahren Schlagzeilen. Angelo Ugolotti
erfuhr 2004 von der Staatsanwaltschaft, dass
[86]
er Aufsichtsratsvorsitzender von diversen
Unternehmen war, von denen er noch nie gehört
[90]
hatte. Es waren Scheinfirmen seines eigenen
Unternehmens, dem italienischen Milch-Konzern
[95]
Parmalat. Angelo Ugolotti zeigte sich überrascht,
denn in seinen Unternehmen war er für ganz
[100]
andere Aufgabenbereiche verantwortlich. Eigentlich
war er Leiter der Telefonzentrale. Den Rest
[106]
kann man sich denken. Unternehmerische Betrügereien
vom Feinsten: Scheinfirmen, Bilanzfälschungen,
[113]
Bestechungen, Konten auf den Cayman Islands
-- die ganze Palette. Eine wichtige Aufgabe
[120]
von Corporate Social Responsibility ist es,
diese und andere moralisch verwerfliche Praktiken
[125]
zu vermeiden. Denn sie schädigen die Gesellschaft
und ebenso das eigene Unternehmen.
[130]
In der Unternehmenspraxis ist dies mehr und
mehr angekommen, wenn auch noch nicht immer
[135]
hinreichend realisiert. Konkrete Maßnahmen
werden oft als „Risikomanagement" bezeichnet,
[141]
mit dem es gelingen soll, finanzielle Risiken
aber auch das Risiko von Reputationsschäden
[145]
zu vermeiden. Wer hat schon gerne schlechte
Presse?! Dafür installiert man in Unternehmen
[150]
klare Regeln, sogenannte Compliance-Systeme
oder Wertemanagementsysteme, wie: eine Flasche
[156]
Wein darf man als Geschenk des Lieferanten
annehmen, die Einladung zum Golfwochenende
[160]
nach Mallorca ist hingegen auszuschlagen.
Risiko- und Compliance-Management ist gleichwohl
[166]
nur ein Teilaspekt richtig verstandener Unternehmensverantwortung.
Erstens geht es bei CSR nicht nur um die Vermeidung
[172]
von „bad practices", wie Korruption und
Betrug. Zweitens hinterfragt dieser Ansatz
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nicht die eigentlichen Geschäftstätigkeiten
des Unternehmens. Ein Wertemanagement wäre
[181]
womöglich auch für Mafia-Organisationen
ein effizientes Steuerungsinstrument. Die
[186]
herausfordernde Frage ist vielmehr:
[188]
Welchen Beitrag sollen und können Unternehmen
für eine „gute Gesellschaft" durch „gute
[193]
Geschäfte" leisten? Dann gründen wir also
eine Stiftung oder spenden fleißig und tun
[197]
so „Gutes". Nein! Das schadet zwar nicht
und es mag sogar helfen, geht aber an systemischen
[203]
Veränderungen vorbei. Wichtig ist: Bei CSR
geht es nicht darum, wie Unternehmen ihre
[210]
Gewinne verwenden, sondern wie Unternehmen
ihre Gewinne erwirtschaften. Unternehmensverantwortung
[217]
darf also nicht nur „Reparaturwerkstatt"
des Kapitalismus sein, sondern muss nach Systemveränderungen
[222]
in einer Marktwirtschaft fragen. Und hierzu
zählt eine neue Rolle der zentralen Spieler
[227]
in diesem Spiel, nämlich Unternehmen, als
nicht nur ökonomische, sondern auch als moralische
[232]
Akteure. Angesprochen ist damit eine stärker
integrative Perspektive auf der Grundlage
[238]
einer Wertebasis und nahe am „Kerngeschäft"
des jeweiligen Unternehmens.
[243]
Es geht um die Beachtung sozialer und ökologischer
Kriterien beispielsweise bei der Behandlung
[249]
von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, der
Organisation des Produktionsprozesses, den
[254]
angebotenen Produkten und Dienstleistungen
sowie deren Vermarktung und auch bei den Zulieferbetrieben.
[259]
Tugendhafte Mangerinnen oder der „ehrbare
Kaufmann" alleine werden hier übrigens
[266]
nicht ausreichen. Wir brauchen zwar integre
Mitarbeitende auf allen Hierarchie-Ebenen
[271]
des Unternehmens, zugleich jedoch auch Organisationsstrukturen
und klare Regeln. Nur auf Verhaltensregeln
[277]
zu setzen, ist gleichwohl ebenso verkürzt,
denn sie verordnen im Extremfall „Dienst
[282]
nach Vorschrift", also das Gegenteil einer
ethischen Reflexion, nämlich über gut und
[287]
böse, richtig und falsch nachzudenken.
[290]
Es geht also immer um beides: Person und Struktur.
In der Wissenschaft spricht man hier von Individual-
[296]
und Institutionenethik. Ist das nicht unrealistisch?
Sollte nicht der Staat mehr für eine gute
[304]
und gerechte Gesellschaft tun? Zugegeben.
Es ist unrealistisch und gerade deshalb sind
[312]
auch solche Fragen wichtig! Häh? Wirtschaftsethiker
fragen nicht nur, wie die Welt „ist",
[318]
sondern besonders auch wie sie sein soll.
Wir wollen damit wenigstens in etwa andeuten,
[322]
wohin die Reise gehen sollte. Es geht uns
aber zugleich auch darum, praktische Vorschläge
[329]
dazu zu machen, wie diese Reise angetreten
werden kann. Man spricht hier von Begründungsfragen
[334]
einerseits und Implementierungsfragen andererseits
-- gerne in dieser Reihenfolge. Der Staat,
[340]
genauer Politik und Recht, kann bei der Umsetzung
von Unternehmensverantwortung durchaus mitwirken.
[346]
Leider aber nur noch mit begrenzter Reichweite.
[348]
Wenn wir unsere Gesellschaft aus einer Vogelperspektive
betrachten, dann können wir verschiedene
[353]
gesellschaftliche Systeme ausmachen: das Wirtschaftssystem,
das System der Politik, das Rechtssystem usw.
[359]
Man spricht von einer funktional-differenzierten
Gesellschaft, in der wir leben. Vor gut sechzig,
[365]
siebzig Jahren hatten einige Wissenschaftler
eine gute Idee, die zur Entwicklung der Sozialen
[369]
Marktwirtschaft, wie wir sie besonders in
Europa kennen, geführt hat. Eine Marktwirtschaft
[374]
sollte eingebettet werden in eine politische
Rahmenordnung, bei der die Politik die Spielregeln
[379]
definiert. Auch heute noch bleibt diese Grundidee
wichtig, aber es ist ungleich schwieriger
[384]
geworden, nur auf den Staat zu setzen. Die
gesellschaftliche Differenzierung hat sich
[389]
fortgesetzt, indem sich die meisten Systeme
internationalisiert haben. „Globalisierung"
[393]
heißt das Zauberwort. Die meisten Systeme
ja, aber eben nicht alle. Politik und besonders
[399]
Recht sind weiterhin tendenziell an die Grenzen
eines Landes gebunden, während vor allem
[403]
die Wirtschaft hochgradig globalisiert ist.
Das führt zu einem Regulierungsdefizit.
[408]
Daher geht es heute nicht mehr nur um klassische
Spielregeln, sondern um die Spielzüge der
[414]
„Unternehmen" in einer veränderten Welt.
Und jenseits von Politik und Recht hat die
[419]
Zivilgesellschaft -- insbesondere repräsentiert
durch Nichtregierungsorganisationen -- einen
[423]
starken Einfluss auf die Wirtschaft entwickelt;
als bissige Watch-Dogs ebenso wie als Kooperationspartner.
[429]
Und wir finden in der Gesellschaft des 21.
Jahrhunderts neue, recht eigentümliche -- hybride
[436]
-- Gebilde unter dem Begriff „soft law".
Das sind kollektive Selbstverpflichtungen
[440]
zur Einhaltung bestimmter sozialer und ökologischer
Standards, wie Branchenvereinbarungen oder
[446]
der Global Compact. Unternehmen sollen also
verantwortlich wirtschaften?! Tut sich da
[452]
denn in der Praxis etwas?
Dazu gibt es weder ein klares Ja noch ein
[456]
klares Nein. Böse Zungen behaupten, CSR ist
wie Teenager-Sex: alle sagen, sie tun es,
[464]
doch nur die wenigsten machen es wirklich;
und die, die es tun, machen es eher schlecht.
[469]
Die Wahrheit ist differenzierter: Auch im
Bereich der Unternehmensverantwortung gibt
[473]
es „the „good, the bad, and the real ugly".
Wir können feststellen, dass sich mehr und
[479]
mehr Unternehmen diesem Thema annehmen und
hier erste Schritte gehen. Es ist ein deutliches
[483]
Bemühen zu verzeichnen, auch wenn es sich
dabei noch um zarte Pflänzchen handelt. Und
[488]
natürlich gibt es auch weiterhin die, die
CSR als PR-Instrument fehldeuten und sich
[493]
einfach nur „grün- oder blau waschen"
wollen. Und es gibt leider auch noch die Unternehmen,
[498]
die sich einen Dreck um Fragen von Unternehmensverantwortung
scheren, ja, Gerechtigkeit mitunter sogar
[503]
mit Füssen treten.
[505]
Alles verstanden? Hier noch einmal eine kurze
Zusammenfassung:
[511]
Erstens, CSR steht für Corporate Social Responsibility,
Unternehmensverantwortung.
[520]
Zweitens, grundlegend dafür ist die Frage
nach „guten Geschäften" für eine „gute
[525]
Gesellschaft" -- heute und auch morgen.
Drittens, CSR ist keine Spendenethik: Es geht
[532]
es nicht darum, wie Unternehmen ihre Gewinne
verwenden, sondern wie Unternehmen ihre Gewinne
[536]
erwirtschaften.
Viertens, für eine Umsetzung im Unternehmen
[540]
braucht es ebenso integre Mitarbeiter wie
angemessene Organisationsstrukturen. Es geht
[546]
um eine Individual- und Institutionenethik.
Fünftens, die Politik bleibt wichtig, hat
[552]
aber in einer globalisierten Welt nur noch
begrenzt Handlungsmacht für politische Regulierungen.
[557]
Daher kommt Unternehmen, sechstens, eine immer
wichtigere Rolle zu.
[561]
Siebtens, „Soft laws" sind neue Steuerungsmechanismen,
die auf Selbstverpflichtungen von Unternehmen
[567]
basieren.
Achtens, CSR ist in der Unternehmenspraxis
[571]
angekommen. Dies gilt es fachlich, aber auch
kritisch zu begleiten.
[575]
Die Forschung zu Fragen von Unternehmensverantwortung
steht noch immer am Anfang und künftige Entwicklungen
[581]
werden spannend zu beobachten sein. Ob mit
Unternehmen eine gute und gerechte Gesellschaft
[586]
gelingen kann, ist durchaus ungewiss. Ohne
sie -- da können wir uns sicher sein -- kann
[591]
sie jedoch nicht gelingen.
Ach so, ganz vergessen: neben Unternehmensverantwortung
[609]
gibt es auch Konsumentenverantwortung. Das
können Sie beim nächsten Einkauf schon mal
[613]
üben und vielleicht gibt es dann zu diesem
Thema an dieser Stelle bald mehr dazu.
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